Fashion

Ein Jahr (fast) ohne Fast Fashion

Dieser Post ist schon eine Weile in Planung. Schon so lange, dass der Titel mittlerweile eigentlich „Fast eineinhalb Jahre fast ohne Fast Fashion“ lauten könnte, um den Zungenbrecher perfekt zu machen. Aber fangen wir von vorne an. 

* (Dieser Blogpost enthält unbeauftragte Werbung durch Markennennungen, Links und Affiliate Links).

Ende 2018 habe ich mich mit Leo und Lisa über unsere Vorsätze fürs nächste Jahr unterhalten. Man kann von Vorsätzen halten was man will und ich weiß, dass sie für viele Menschen nicht funktionieren. Ich habe aber mit Vorsätzen in den letzten Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht, solange sie sich in einem einigermaßen realistischen Rahmen befanden. Nachdem wir alle über ein paar unserer Vorsätze gesprochen hatten, habe ich mehr oder weniger unbedacht und auch ohne es wirklich ernst zu meinen „Ich will keine Fast Fashion mehr kaufen“ in den Raum geworden. Falls jemandem der Begriff „Fast Fashion“ nichts sagt: es geht um günstige Mode, die billig unter unfairen und unnachhaltigen Bedingungen produziert wird, häufig nicht von hoher Qualität und eher dazu gedacht ist, ein paar mal getragen und dann weggeschmissen oder weggegeben zu werden. Also schnelle Mode – schnell produziert, schnell verkauft und schnell verbraucht. 

Im selben Moment, in dem ich meinen Vorsatz ausgesprochen habe, musste ich fast ein bisschen lachen, da ich es für ziemlich unrealistisch gehalten hab. Ich kaufe zwar schon seit 2015 regelmäßig faire und nachhaltige Mode und habe generell meinen Kleidungskonsum seit ich 2016 in New York war sehr drastisch reduziert (das hatte wenig mit New York zu tun, aber ich erinnere mich daran so konkret, weil ich dort mit wenig Kleidung für ein paar Monate hingereist bin und mit mehr zurückkam, als ich damals eigentlich wollte). Ich hatte seitdem immer seltener das Bedürfnis, neue Sachen zu kaufen und habe oft gemerkt, dass ich mich in den Läden, in denen ich mich früher stundenlang gerne aufgehalten habe, nicht mehr wohlgefühlt habe. 

Ich hatte dann irgendwann die Regel, immer erst mal zu schauen, ob ich ein Teil, was ich mir wünsche, Second Hand finde, bevor ich es neu kaufe. Das hat auch ziemlich gut funktioniert. Aber trotzdem war ich ziemlich sicher, dass ich es nicht durchhalten würde, ein ganzes Jahr gar nichts mehr an Fast Fashion zu kaufen. Ich bin fest davon ausgegangen, dass sich früher oder später eine Situation ergibt, in der ich entweder ein so wunderschönes Teil irgendwo entdecke, dass ich doch schwach werde oder dass ich für irgendeinen besonderen Anlass (Hochzeiten, Familienfeiern, Beerdigungen, Events, etc.) unter Zeitdruck nichts angemessenes finde und dann quasi gezwungen sein würde, im nächstbesten Laden irgendwas einigermaßen passendes zu kaufen. 

Naja, so bin ich also mit diesem etwas halbherzig gefassten Entschluss ins Jahr 2019 gestartet… und schon nach zwei Monaten habe ich festgestellt, dass das Ganze kein Problem ist und vermutlich auch keins werden würde. Ich habe innerhalb von kurzer Zeit zufällig beim Second Hand Shopping so viele Teile gefunden, die ich entweder schon lange genau so gesucht hatte oder die mir einfach so extrem gut gefielen, dass ich es gar nicht glauben konnte.

Ich habe Second Hand Shopping auch schon vorher gerne gemocht, aber durch meinen Vorsatz dann im letzten Jahr nochmal ganz anders wertschätzen gelernt. Man muss allerdings dazu sagen, dass ich mir von Anfang an gesagt habe, dass für mich abgesehen von fairer & nachhaltiger Mode auch Fast Fashion aus zweiter Hand erlaubt ist, da ich es auf jeden Fall für nachhaltiger halte, ein bereits produziertes Kleidungsstück zu kaufen, als eines, was noch produziert werden muss. Ich kann aber sehr gut nachvollziehen, wenn man auch beim Second Hand Shopping keine nicht-nachhaltigen Labels unterstützen möchte. Mir persönlich wäre das auf jeden Fall zu schwierig geworden und noch dazu ist es natürlich auch eine finanzielle Frage, denn nachhaltige Brands sind sowohl neu als auch aus zweiter Hand (logischer- und berechtigterweise) deutlich teurer. 

Noch dazu ist mein Job auch einfach sehr eng mit Mode verknüpft. Wir können natürlich unseren Content selbst steuern und haben ihn im letzten Jahr unter anderem auch wegen meines Entschlusses sehr stark verändert. Aber trotzdem ist Mode noch ein großes Thema auf unseren Kanälen – weil es uns Spaß macht, es für viele Leute spannend und einfach ein tolles Thema ist, zu dem man sehr viel kreativ umsetzen kann. Ich weiß, dass das keine Rechtfertigung ist, aber in einem anderen Job würde ich ziemlich sicher sehr viel seltener das Bedürfnis haben, „neue“ Kleidung zu kaufen. Da wir ständig Fotos und Videos damit produzieren, fühle ich mich schneller gelangweilt von meiner Kleidung und auch manchmal unter Druck gesetzt im Vergleich zu anderen Creatorn. Von diesem Druck versuche ich mich immer mehr freizumachen und mit der Langeweile anders umzugehen als durch neuen Konsum. Aber das war und ist für mich ehrlich gesagt nicht immer einfach. 

Ein paar Nachteile hat Second Hand Shopping natürlich auch. Die Auswahl ist begrenzter, oft unmoderner, es gibt häufig nicht genau das, was man sucht oder jedenfalls nicht in der passenden Größe. Man muss länger suchen, sehr oft Kompromisse eingehen oder Änderungen vornehmen und bei sehr, sehr vielen Kleidungsstücken hat es auch schlicht seinen Grund, dass sie vom Vorbesitzer aussortiert wurden (unpraktische Schnitte, unangenehme Stoffe, kleine Flecken, Löcher etc.). Man kann auch selten etwas zurückgeben. Fast jedes Kleidungsstück ist Second Hand einzigartig und das ist natürlich einerseits toll, aber andererseits auch manchmal nachteilig. Am Ende des Jahres ist mir aufgefallen, dass ich dadurch leider vermutlich  häufiger Impulskäufe tätige, weil ich oft denke, dass ich vermutlich nichts „besseres“ finde, was ungefähr meinen Vorstellungen entspricht und bevor es am Ende weg ist, kaufe ich es dann lieber. Diese Denkweise versuche ich aktuell abzulegen, denn wenn dann Kleidungsstücke im Schrank hängen, die man nicht wirklich trägt, ist das auch nicht sinnvoll, selbst wenn sie Second Hand gekauft wurden ;D

Ich bekomme sehr regelmäßig Fragen dazu, was meine liebsten Second Hand Läden sind & wie ich beim Reisen gute Läden finde. Meine Antwort ist eher lahm: ich liebe Humana und Oxfam, davon gibt’s in vielen Städten Filialen und da wurde ich bisher am häufigsten fündig. Ansonsten nutze ich einfach Google Maps um neue Läden zu finden. Online kaufe ich am meisten bei Kleiderkreisel, kann aber auch zB Vestiare Collective empfehlen. Zum Second Hand Shopping gehört viel Glück und Geduld. Ein paar Tipps haben wir hier zusammengefasst, viele gute Tipps (auf englisch) gibt’s auch noch in diesem Video von bestdressed

Im Großen und Ganzen war es für mich überraschend einfach, mich an meinen Vorsatz zu halten. Ich habe mir vorher gesagt, dass ich gegebenenfalls für Schuhe und manche Accessoires Ausnahmen machen würde, da ich das schon immer Second Hand / fair sehr schwierig fand. Für Schuhe musste ich bisher jedoch tatsächlich keine Ausnahme machen, da ich alles, was ich gesucht habe, entweder fair oder sehr gut erhalten aus zweiter Hand gefunden habe. Dafür habe ich zwei oder drei mal Fast Fashion Accessoires gekauft, nach denen ich mich Second Hand dumm & dämlich gesucht habe, wie einen schönen Schal und goldene filigrane Ringe. Da ich aber diese Teile wirklich rauf und runter trage & davon ausgehe, dass ich sie noch viele weitere Jahre tragen werde, waren diese Ausnahmen für mich in Ordnung. 

Generell habe ich ja schon öfter angesprochen, dass ich kein Fan bin von starren Regeln & gerade was Nachhaltigkeit angeht, meinen Perfektionismus abgelegt habe. Für mich war das letzte Jahr ein riesiger Schritt und ich bin stolz auf mich, auch wenn ich ein paar Ausnahmen gemacht habe. Und ob man es glaubt oder nicht – trotz der eben aufgezählten Nachteile fühle ich mich kein bisschen eingeschränkt durch meine Entscheidung, sondern eher befreit. Eine große Auswahl und scheinbar endlos viele Möglichkeiten überfordern mich meistens total, daher empfinde ich es als riesige Erleichterung, dass jetzt so viel für mich eh nicht mehr in Frage kommt. Ich spare so viel Zeit und Energie (und Geld), seit ich nicht mehr regelmäßig in der Stadt in den „normalen“ Läden unterwegs bin. Ich hatte früher so oft Entscheidungschwierigkeiten beim Shoppen. Habe so lange überlegt, was ich kaufe und was nicht. Welchen „Style“ ich habe und welchen nicht. Ob ein Teil nun dazu passt oder nicht und ob ich nicht woanders etwas finde, was mir minimal besser gefällt oder was etwas günstiger, stylisher oder hochwertiger oder sonst was ist. 

Durch die wesentlich begrenztere Auswahl suche ich jetzt viel spezifischer und entscheide mich oft schneller. Und mein „Style“ kümmert mich irgendwie eh nicht mehr so richtig (was vielleicht auch eine Sache des Alters oder der anderen Prioritätensetzung ist). Ich trage einfach, was mir gefällt und worin ich mich wohlfühle. Auf Reisen habe ich so viel coolere Stadtteile, Läden und Kleidungsstücke entdeckt durchs Second Hand Shopping – wieso bin ich früher in einer neuen Stadt in die gleichen Läden gelaufen wie zu Hause auch? Das ist mir inzwischen ein Rätsel. 

Rock & Pullover – Second Hand, Ohrringe – H&M (alt), Schuhe – Doc Martens (alt)

Ich habe daher ohne auch nur einmal darüber nachzudenken meinen Vorsatz aus dem letzten Jahr „mitgenommen“ ins Jahr 2020 – weil es inzwischen kein Vorsatz mehr ist, sondern Gewohnheit. Ich werde sicher niemals „perfekt“ einkaufen, auch Second Hand Mode ist nicht komplett nachhaltig und häufig nicht fair. Ich mache nach wie vor sehr viele Dinge, die nicht nachhaltig sind. Ich werde auch weiterhin vermutlich ab und zu Ausnahmen machen, die ich mir aber gern erlaube. Denn im Großen und Ganzen war und ist es für mich die richtige Entscheidung gewesen, mit der ich sehr glücklich bin. 

Vielleicht inspiriert dieser Text ja den ein oder anderen von euch auch mehr Second Hand oder fair einzukaufen. Man muss ja nicht von Anfang an komplett umstellen – ich habe auch jahrelang nur einzelne Teile fair gekauft bzw. kaufen können, auch aus finanziellen Gründen. Aber beispielsweise mit fairen Basics kann man ja anfangen (findet ihr beispielsweise sehr schöne bei Organic Basics und mit dem Code „CONSIDEROBX“ bekommt ihr aktuell noch 10% Rabatt *) oder damit, immer erst mal Second Hand zu schauen, bevor man etwas neu kauft. Oder einfach damit, vor jedem Kauf nachzudenken, ob man etwas wirklich braucht. 

Ich versuche demnächst mal, eine Liste mit meinen liebsten nachhaltigen Labels zusammenzustellen. Bis dahin könnt ihr auch gerne eure Tipps in den Kommentaren da lassen, falls ihr was Tolles kennt! Ich freue mich immer über neue Inspiration, denn nach wie vor liebe ich Mode & wie man sich damit ausdrücken kann. Ich möchte es nur irgendwie wenigstens einigermaßen nachhaltig tun und hoffe ein paar von euch damit ebenfalls dazu motivieren zu können! ♥️