Travel

RELATIONSHIP STATUS: IN A RELATIONSHIP WITH MY PASSPORT
Über Reisen, Geld, Neid und Dankbarkeit

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Ich lese so oft Kommentare von Zuschauern, die uns schreiben, dass sie traurig oder neidisch sind, dass wir so oft verreisen, weil sie sich das entweder zeitlich oder finanziell nicht leisten können. Ich liebe Reisen und ich bin momentan so viel wie ich kann unterwegs. Aber ich weiß genau wie es sich anfühlt, wenn alle Welt unterwegs ist und man selbst zu Hause sitzt.     

LIFE IS SHORT AND THE WORLD IS WIDE.

Ich hatte dieses Gefühl ganz besonders intensiv in der Examensvorbereitung. Da lag es weniger daran, dass ich es mir finanziell nicht hätte leisten können, sondern dass es schlicht zeitlich unmöglich war. Ich war quasi zwei Jahre an den Schreibtisch gekettet, und wenn ich weggefahren bin, dann nur wegen Familie, Freunden oder Fernbeziehung.

Sobald ich mit den schriftlichen Examensprüfungen durch war, habe ich erstens sofort diverse Flüge gebucht und außerdem jede Einladung für jedes Event außerhalb von Köln angenommen, die wir bekommen haben. Auf nichts habe ich mich mehr gefreut, als endlich wieder zu verreisen. Der Sommer vor meinem Examen war der schlimmste Sommer meines Lebens und auch wenn das mit vielen verschiedenen Dingen zu tun hatte, hat mein Fernweh einen großen Teil dazu beigetragen. In der Bibliothek zu sitzen, wenn alle deine Freunde und ganz Instagram am Strand auf der anderen Seite der Erdkugel liegen, ist höchst deprimierend. Also glaubt mir, wenn ich sage: i feel you. Und an diejenigen von euch, bei denen es an den Finanzen liegt: I feel you, too.

 

COMPARISON IS THE THIEF OF JOY.

Ich bin als Kind beispielsweise auch nicht sonderlich oft verreist. Ich möchte auf keinen Fall, dass der Eindruck entsteht, als hätte mir irgendetwas gefehlt, ich hatte die schönste Kindheit, die man hätte haben können. Aber Auslandsreisen mit meiner Familie kann ich an einer Hand abzählen (Mit vier Kindern zu verreisen ist nicht nur teuer, sondern vermutlich auch einfach ätzend und das Gegenteil von Urlaub). Wir haben in den Ferien meistens Verwandte besucht, und wenn ich mal wirklich „weggefahren“ bin, dann mit der Familie von guten Freunden. Meine Eltern erzählen gerne, dass mein kleiner Bruder sich als Teenager mal beleidigt beschwert hat, dass er im zarten Alter von 16 Jahren noch nie außerhalb von Europa war. Sie fanden das amüsant, ich natürlich irgendwo auch, aber ich kann trotzdem verstehen wie er sich gefühlt hat. Nach den Sommerferien kamen die anderen Klassenkameraden zurück aus Mallorca, Vietnam oder New York und ich dachte immer „Ich möchte das auch mal erzählen können.“

Rückblickend denke ich mir: was für ein Schwachsinn! Man muss nicht in exotische Länder reisen, um tolle Ferien zu haben. Trotzdem kann ich vollends nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn einen das Fernweh packt, aber man nicht weg kann.

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ADVENTURE IS A STATE OF MIND.

Sobald ich ein Teenager war, habe ich deswegen alle meine Ersparnisse für Reisen ausgegeben. Ich arbeite seit ich 14 bin, anfangs als Babysitter und sobald ich endlich 16 war in diversen Cafés. Klar, von dem Geld habe ich mir auch mal Klamotten oder Kaffee gekauft, aber hauptsächlich habe ich das Geld auch damals schon für Reisen gespart.

Natürlich hat mein Nebenjob-Budget nicht für einen Urlaub auf den Malediven gereicht. Ich hab mir halt andere Sachen gesucht, die ich mir leisten konnte. Meine ersten selbstbezahlten Reisen ohne meine Eltern waren nach Berlin, danach London, dann einige Städte in Polen und Tschechien. Mehrere Sommer hintereinander war ich einfach mit Freunden Campen in irgendeinem Wald im hinterletzten Teil von Brandenburg. All das waren extrem günstige Reiseziele, die man von Dresden (mehr oder weniger) gut erreichen konnte, zu fast allen bin ich mit dem Zug oder Fernbus gefahren. Man muss keinen Flug buchen für eine gute Zeit. In Deutschland und allen Nachbarländern gibt’s wahnsinnig schöne Ecken, wo man traumhafte Urlaube machen kann.

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Lederjacke – Mango (ähnlich hier); Rock – Mango (ähnlich hier), Schuhe – Vagabond,
Tasche – Céline (ähnlich hier), Bluse – Hessnatur (ähnlich hier)

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INSTAGRAM IS NOT REAL LIFE.

Auch, wenn ihr einmal angekommen seid an eurem Reiseziel, muss man nicht alles so machen, wie Instagram oder YouTube das einem vorleben. Ich konnte mir während meines Studiums auch kein 5-Sterne-Hotel oder schickes Airbnb mit Privatpool leisten. Ich habe schon in stickigen 10-Bett-Zimmern in Hostels, in durchnässten Zelten, in dreckigen Bed&Breakfasts mit verschimmeltem Toast zum Frühstück und einmal sogar in einem Sanitäranlagen-Häuschen auf dem Campingplatz geschlafen. Auf meiner ersten selbstbezahlten London-Reise hatte ich ein Budget von 10 Euro pro Tag für Unternehmungen und Essen. Wer schon mal in London war, kann sich vorstellen, für wie viel das gereicht hat: im Grunde gar nichts. Meine Ernährung bestand dementsprechend aus ziemlich vielen Müsliriegeln und McDonalds.

START WHERE YOU ARE. USE WHAT YOU HAVE. DO WHAT YOU CAN. 

Meine Reisen waren vielleicht nicht immer komfortabel oder sonderlich fototauglich, aber ich habe wunderbare Erinnerungen daran (mal abgesehen von dem durchnässten Zelt), ich habe viel gelernt und kann gute Stories erzählen. Und das beste war: ich hab es selbst bezahlt, von meinem eigenen Geld, für das ich gearbeitet habe. Übrigens habe ich auch unsere dreiwöchige Interrail Tour, genau wie jede andere Reise während meines Studiums abgesehen von Events und Pressetrips, komplett von meinen eigenen Ersparnissen durch meine diversen Nebenjobs bezahlt, und damals haben wir mit YouTube noch kein Geld verdient. Meine Eltern haben mein Reisefieber nicht finanziert – und das wollte ich auch gar nicht. Ich weiß sehr gut, dass nicht jeder von Hause aus die Möglichkeit hat, viel zu verreisen. Aber glaubt mir, eine Reise fühlt sich mindestens genauso gut, wenn nicht besser an, wenn ihr vorher dafür gearbeitet habt und dann stolz auf euch sein könnt, weil ihr euch etwas leisten könnt. Wir haben übrigens auch schon ein ganzes Video mit Spartipps für Reisen gedreht.

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IF YOU WANT TO FIND HAPPINESS, FIND GRATITUDE. 

Und wenn es auch für einen Fernbus nach Berlin nicht reicht, dann packt einfach euer Zeug und fahrt zum nächsten See, Gebirge oder Wald. Wenn man mit den besten Freunden Spaß hat, ist es völlig egal, ob man gerade in Thailand, in der Eifel oder im Park um die Ecke ist. Ja, Reisen erweitert den Horizont, es ist wahnsinnig bereichernd und macht süchtig, weil es so viel Spaß macht. Aber noch besser als Reisen ist: dankbar und glücklich sein, für das, was man hat.

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Fotos von Patricia Aliena