Fashion, Lifestyle

THE QUESTION IS NOT WHAT YOU LOOK AT, IT’S WHAT YOU SEE
Über Instagramprofile, Perfektionismus und Illusionen

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Es passiert mir selten, dass ich Fotos für einen Blogpost habe, aber keinerlei Ahnung, was ich schreiben soll. Meist ist es umgekehrt: ich habe eine Idee für einen Blogpost, schreibe den Text, mache die passenden Fotos dazu. Heute ist es mal ausnahmsweise umgekehrt gewesen, zu den Fotos fiel mir absolut nichts ein. Also scrollte ich durch Instagram und auf einmal wusste ich, worüber ich schreiben will. Und die Fotos passen tatsächlich zu dem Thema auch überraschend gut – aber dazu am Ende mehr.

Ich habe schon oft erwähnt, dass Instagram eine meiner liebsten Apps ist und es ist definitiv mein liebstes „soziales Medium“. Sowohl der Akku- als auch der Datenverbrauch meines Handys gehen zum größten Teil auf Instagram zurück und es ist sehr selten, dass ein Tag vorbei geht, an dem ich dort kein Foto gepostet oder ich nicht mindestens einmal durch meinen Feed gescrollt habe. Ich liebe schöne Fotos, ich liebe die Geschichten dahinter. Ich liebe es, dass ich zu den Profilen, denen ich folge, eine Bindung aufbauen kann. Ich liebe es, dass jeder dort seinen ganz eigenen Stil entwickeln kann, so dass man oft ein Foto auf den ersten Blick einer Person zuordnen kann, selbst wenn sie gar nicht drauf ist. Ich liebe selbst die ewig gleichen Locations, Filter, Posen, künstlich angerichteten Gerichte, Kaffeetassen, Klamotten oder Schreibwarenartikel. Die App übt auf mich eine riesige Faszination aus.

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Aber gleichzeitig hasse ich Instagram auch manchmal.

Von Followerkaufs, Like-Bots, Follow-Unfollow-Programmen und ungekennzeichneter Werbung will ich da gar nicht erst anfangen (dann könnte ich gar nicht mehr aufhören). Worum es mir eher geht, ist der Eindruck, den Instagram oft vermittelt, insbesondere auf den Lifestyle-Accounts, denen ich so gerne folge und denen wiederum auch viele unserer Zuschauer folgen. So sehr ich die Profile, die Fotos und die Captions auch liebe: sie vermitteln leider ein sehr problematisches Bild. Denn einerseits fühlen sie sich so real und echt und authentisch an (was ja ihren großen Erfolg grade ausmacht). Gleichzeitig weiß ich aber aus eigener Erfahrung: sie sind gestellt, retuschiert, editiert und irgendwie auf absurde Art und Weise – zensiert. So nah und doch so fern von der Realität.

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Auf einem Instagram Account veröffentlicht jeder nur das, was er da gerne haben möchte. Zu einem großen Teil nur die Highlights des eigenen Lebens und selbst wenn mal ein Tiefpunkt dabei ist, dann auch davon nur eine geschönte Variante, die gut ins Profil passt und nicht zu verletzlich macht. So sehen selbst die schweren Momente gar nicht so dramatisch aus. Leid, Wut, Traurigkeit, Angst, Schwäche, selbst einfach „nur“ schlechte Laune – das macht sich einfach nicht gut auf Instagram. Deswegen landet dort immer nur „das Beste“, sowohl inhaltlich als auch äußerlich.

Bis ich ein gutes Foto habe, mache ich oft 30, 40, 100 Stück. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin, das geht fast allen „Instagrammern“ oder Fotografen so. Oft poste ich aus einer Fotosession auch kein einziges Foto. Weil es nicht richtig in mein Profil passt. Weil es nicht gut genug ist. Weil ich mich darauf nicht schön genug finde. Und obwohl ich das weiß, bekomme ich trotzdem beim Anschauen vieler Profile ein beklemmendes Gefühl, weil ich mir denke: sehen die wirklich immer so perfekt aus? Können die tatsächlich in jeder Pose, in egal welcher Klamotte, egal welchem Moment und egal aus welchem Winkel aussehen wie aus einem Katalog? Ist deren Leben wirklich so viel schöner und fotogener als meins? (Spoiler-Alert: Nein.)

Wenn selbst ich mit einem Lifestyle-Account solche Gedanken habe, obwohl ich eigentlich genau weiß, wie viel Arbeit, Posing, Zeit, Editing und oft einfach Glück hinter einem guten Foto steckt, frage ich mich oft, wie es wohl „reinen Followern“ geht, die den Hintergrund gar nicht oder zumindest weniger einschätzen können.

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Pullover – Noname, ähnlich hier oder hier  // Rock – Mango, ähnlich hier// Schuhe – Vagabond // Tasche – Céline

Es mag sich vielleicht manchmal so anfühlen, aber das Instagram-Profil einer Person spiegelt nicht ihr reales Leben wider. Ja, natürlich sehe ich mein Instagram-Profil einerseits als schöne Sammlung von persönlichen Erlebnissen, Momenten und Erinnerungen – ich verbinde mit den Fotos oft die Personen, die dabei waren und ich habe sofort wieder die Hintergrundgeschichte und das Gefühl im Gedächtnis, das ich damals hatte.

Aber andererseits ist mein Profil eben kein privates Tagebuch, sondern öffentlich. Und mit der breiten Öffentlichkeit will ich nicht jeden Aspekt meines Privatlebens teilen, insbesondere nicht die Momente, in denen es mir schlecht geht. Außerdem gehört Instagram bei uns auch zu unserem Geschäft und vermittelt sowohl unseren Kooperationspartnern als auch unseren Zuschauern ein Bild von uns und unserer „Marke“.

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Deswegen ist es mir wichtig, unsere Follower immer wieder daran zu erinnern: Instagram is not real life. Ich finde es verfehlt, jedem Lifestyle-Account vorzuwerfen, dass alles nur Fake, Werbung oder Business ist. Das ist jedenfalls bei mir und auch bei den Kolleginnen, die ich persönlich kenne, definitiv nicht der Fall. Für mich (und ich glaube auch für die meisten anderen) ist Instagram hauptsächlich ein „creative outlet“ und es macht wahnsinnig viel Spaß, Momente in schönen Fotos einzufangen. Es ist eine wunderbare Art, Inspiration zu suchen und zu geben. Aber man darf nicht vergessen, dass es trotzdem nur ein sehr verzerrtes Bild von der Realität vermittelt, das man nicht zu nah an sich heranlassen sollte und vor allem bitte auf gar keinen Fall als Maßstab für das eigene Leben verwenden darf. Auch Instagrammer, Blogger und Youtuber haben Tiefpunkte, Probleme und Pickel, sind mal krank, fühlen sich nicht wohl und sehen auf dem Großteil aller Fotos in ihren eigenen Augen nicht gut aus. All das veröffentlichen sie nur nicht im Internet. Wenn man das immer im Hinterkopf behält, dann ist die App ein wunderbarer Zeitvertreib und eine ganz tolle Inspirationsquelle und ich hoffe, dass die meisten unserer Zuschauer das eigentlich sowieso schon wissen.

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So, und wieso passen nun diese gestellten Outfit-Fotos gut zu dem Thema? An dem Tag des Shootings ging es mir grässlich. Es fand kurz nach meinem Kroatien-Urlaub statt, ich hatte mir einen ziemlich üblen Infekt eingefangen und es ging mir körperlich so schlecht wie schon sehr lange nicht mehr. Zusätzlich war ich gestresst, weil ich wie immer zu spät dran war, ich wusste nicht, was ich anziehen sollte, ich hatte mir kein richtiges Konzept für das Shooting gemacht und war generell schlecht gelaunt. Absurderweise oder gerade deswegen mag ich die Fotos trotzdem sehr – aber ich vermute mal, dass niemand vermutet hätte, dass es mir vor, während und nach dem Shooting katastrophal ging, wenn ich die Fotos „einfach so“ gepostet hätte.

Es ist nicht alles gold, was glänzt.

lena

 Fotos von Patricia Aliena 

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